Der erste Data Independence Day (oder auch Datenunabhängigkeitstag „DUT“) ist ja jetzt schon wieder zwei Wochen her, aber manchmal brauchen die Sachen etwas. Ich bin jedenfalls ein großer Fan davon die Hoheit über die eigenen Daten zu behalten und der Vortrag von Marc-Uwe Kling war auch sehr dazu geeignet, mehr Fans für die Idee zu gewinnen.
Die etwas niedriger hängenden Früchte sind bei mir schon abgeerntet, ich habe keine wirklich aktiven GMail-Accounts und auch auf Facebook bin ich schon lange nicht mehr (dafür noch auf LinkedIn, naja). Eine Sache, die mich aber schon lange ärgert, ist, wie schwierig es einem gemacht wird, die zahlreichen Sachen, die das Handy so speichert, auf den Rechner zu bekommen, ohne (in meinem Fall bei Android) Google alles über den Zaun zu werfen. Und ich rede noch nicht mal von GPS- oder Browser-Daten, die sowieso in den globalen Datenhalden landen, sondern von echten lokalen Dateien: Fotos, Downloads und sowas. Natürlich kann man das per Bluetooth irgendwohin schieben, nur leider funktioniert das nur selten sofort und automatisieren lässt sich das auch nicht gut. Ich habe lange mit Nextclouds Auto-Upload meine Fotos synchronisiert, aber so richtig problemlos war das auch nicht.
Daher jetzt die gute Nachricht: Dateisynchronisation kann ganz einfach sein. Tada: Syncthing.
Ein offenes Protokoll, offene Software und man braucht auch keinen zentralen Server (sorry Nextcloud). Einfach auf dem Handy und auf dem lokalen Rechner das Programm installieren (ich nutze auf dem Handy syncthing-fork und unter Ubuntu-Linux kann man es einfach mit dem Paketmanager apt installieren). Es gibt aber auch Downloads für so ziemlich jedes andere Betriebssystem und man kann natürlich auch „richtige“ Rechner damit synchronisieren, nicht nur Handys.
Auf dem Handy startet man Syncthing-Fork wie jede andere App auch und gibt Zugriff auf das Dateisystem (sonst wird es schwierig mit der Dateisynchronisation). Auf dem Rechner reicht es in der Regel das Basissystem zu installieren und zu starten (im Startmenü sollte es einen Eintrag „Start Syncthing“ geben). Das Frontend nutzt den Browser, nach dem Start verbindet man sich einfach mit localhost:8384 auf und schon geht es los (eventuell geht auch schon beim Start automatisch Euer Browser auf).
Nachdem es auf beiden Geräten läuft, muss man die Geräte miteinander bekannt machen. Am einfachsten geht man im Handy auf Gerät hinzufügen.

Dann verlangt das Handy die Kennung des neuen Geräts, die findet Ihr auf dem Rechner unter „Dieses Gerät: Kennung“. Wenn man da klickt wird auch ein QR-Code angezeigt, den man scannen kann und schon kennt das Handy die Kennung. Man bestätigt noch auf dem Rechner das neue Gerät und der Verbindung steht nichts mehr im Wege. Ich gebe zu, dass die GUI auf dem Rechner anfangs etwas einschüchtert, aber es ist wirklich einfach. Hier die Ansicht auf meinem Rechner beim Hinzufügen eines neuen Geräts:

Es gibt Ordner (linke Seite), das sind die Dateien, die man synchronisiert (immer komplette Ordner, aber man kann Ausnahmen definieren) und Geräte (rechte Seite). Man kann also auch den gleichen Ordner mit mehreren Geräten synchronisieren.
Als nächstes gibt man an, welchen Ordner man synchronisieren möchte, also zum Beispiel die Bilder (auf dem Handy in der Regel DCIM/Camera) oder die Downloads. Man muss das für jeden Ordner separat machen, aber alle Unterordner werden mitsynchronisiert.

Man gibt dem Ordner einen schönen Namen (damit man ihn wiedererkennt), wählt das richtige Verzeichnis aus (also zum Beispiel Download) und klickt an, dass er mit dem Rechner synchronisiert werden soll.

Jetzt auf der Rechnerseite noch bestätigen und auch dort ein passendes Verzeichnis wählen (oder einfach ein neues erstellen) und fertig! Ab jetzt werden beide Verzeichnisse immer synchronisiert, wenn auf beiden Geräten syncthing läuft. Es bietet sich also an es in den Autostart aufzunehmen.
Probleme gab es bei mir bis jetzt nur, wenn das Handy aus Versehen im Energiesparmodus oder nicht im WLAN war. In beiden Fällen wird nämlich standardmäßig nicht synchronisiert (lässt sich in der Konfiguration natürlich ändern und auch der Statusscreen ist hier hilfreich). Mit den fortgeschrittenen Aktionen wie der Verschlüsselung hat nicht immer alles sofort geklappt, aber ich hatte nie Datenverlust und es brauchte bei Problemen nur einen Neustart der App oder ein Pausieren und Neustart des betroffenen Ordners. Da Syncthing auch Optionen hat, eine Historie geänderter Dateien zu speichern, benutze ich es jetzt auch als Backup-Tool. Was syncthing allerdings nicht kann, ist lokale Verzeichnisse synchron halten, da muss man weiter rsync benutzen.
Insgesamt jedoch ein wunderbares Werkzeug zur Daten“befreiung“ insbesondere vom mobilen Endgerät. Ich habe das am DI.Day zwar nicht bei mir selbst neu installiert, aber dafür eines der Kinder überzeugt (und das ist ja eigentlich noch viel besser).